5 Gründe, warum es problematisch ist, Nahrung als Medizin zu bezeichnen

Bestimmt kennst du das Zitat von Hippokrates: „Lass Nahrung deine Medizin sein und Medizin deine Nahrung!“ Was wir essen, hat sicher eine große Wirkung auf unseren Körper – das ist überhaupt keine Frage. Früher war das Grund genug für mich, Essen als Medizin zu bezeichnen. Ich war von der Heilwirkung von Nahrung auf den Körper so überzeugt, dass ich sogar den Untertitel meines früheren Blogs so genannt habe. Die Tatsache, dass Nahrung eine Wirkung auf den Körper hat, macht sie aber lange noch nicht zur Medizin. Hier sind meine 5 Hauptgründe, warum es so problematisch ist, Essen als Medizin zu bezeichnen.

1. Der Satz "Essen ist deine Medizin" gibt uns eine Selbstverantwortung für unsere Gesundheit

Diese Aussage lässt uns glauben, dass wir unsere Gesundheit selbst in der Hand hätten: Essen wir „das Richtige“, dann bleiben wir gesund, essen wir „das Falsche“, dann werden wir krank. Der Vorwurf, der mitschwingt ist: Wenn du nicht alles für deine Gesundheit tust, was du nur kannst, dann ist es allein deine Schuld, wenn du krank wirst. Diese Ängste werden in der Regel mit Studien untermauert, die sich auf den ersten Blick sinnvoll anhören, es aber auf den zweiten Blick meistens doch nicht sind. Ernährungsstudien werden häufig im Tierversuch oder in der Petrischale getestet und selbst wenn Effekte gesehen werden, lassen diese sich nicht unbedingt auf den Menschen übertragen. Erkenntnisse zur Ernährung, die aus Humanstudien gewonnen werden, stammen in der Regel aus sogenannten epidemiologischen Studien. Diese können allenfalls Zusammenhänge aufzeigen, aber keine Kausalitäten.

Ernährung ist unfassbar komplex und steht in Interaktion mit allem, was uns umgibt (äußerlich und innerlich, denn unser Darm ist ebenfalls Körperoberfläche). Die meisten Studien, die zu Nahrungsbestandteilen gemacht werden, haben einfach überhaupt keine klinische Relevanz, weil die uns zur Verfügung stehenden Studiendesigns es gar nicht hergeben können, einem Nahrungsbestandteil eine bestimmte Wirkung zweifelfrei zuzuschreiben. Wenn also mal wieder wahlweise vor Zucker, Gluten, Milch, Hülsenfrüchten, Weizen, Nachschattengewächsen, Fett, Kohlenhydraten oder Wurzelgemüse gewarnt wird, kannst du dir sicher sein, dass die Studienlage dahinter mehr als dürftig ist. Ein einzelnes Lebensmittel oder auch eine Lebensmittelgruppe hat nicht die Macht uns krank oder gesund zu machen und daher sind solche Aussagen, die einzelne Lebensmittel oder Lebensmittelbestandteile dämonisieren, immer mit Vorsicht zu genießen. Die Vorstellung von Nahrung als Medizin mag ermächtigend erscheinen, macht das Individuum jedoch für Dinge verantwortlich, die sich der individuellen Kontrolle entziehen.

2. Ernährung ist nur ein Puzzleteil von vielen

„Gesunde Ernährung“ hat schon immer eine große Rolle in meinem Leben gespielt. Natürlich war mir klar, dass noch andere Faktoren die Gesundheit mitbestimmen wie Schlaf, Bewegung, Stressmanagement und auch, was wir denken und wie wir die Welt sehen. Aber Ernährung stand schon immer konkurrenzlos über allem und mein Studium hat mich in dem Glauben nochmal bestärkt, dass für mich persönlich alle anderen Einflüsse auf die Gesundheit noch weiter in den Hintergrund gerückt sind.

Aber wusstest du, dass Ernährung und Bewegung zusammen gerade mal 10 Prozent der Gesundheit einer Bevölkerung bestimmen? Andere gesundheitsfördernde Verhaltensweisen, wie beispielsweise Schlaf und Stressmanagement machen nochmal zusätzlich 20 Prozent aus. Ein Großteil unserer Gesundheit liegt gar nicht in unserer Hand, sondern wird durch Umweltfaktoren, Genetik oder Sozialstatus bestimmt. Ernährung ist daher meilenweit davon entfernt, die Hauptrolle bei unserer Gesundheit zu spielen. Selbst, wenn sich jemand „perfekt“ ernährt – wie auch immer diese Ernährung dann aussieht, das weiß nämlich keiner so genau und das ist definitiv ein weiterer Kritikpunkt in dieser ganzen Logik hier – ist das noch lange keine Garantie gesund zu bleiben.

3. Hippokrates hat etwas anderes unter Medizin verstanden als wir heute

In der Antike gab es die pharmazeutische und chirurgische Medizin, wie wir sie heute kennen, noch nicht mal ansatzweise. Bis ins frühe 18. Jahrhundert galt die Krankheitslehre von den Körpersäften, deren richtige Mischung bzw. Zusammensetzung die Voraussetzung für Gesundheit ist und deren Ungleichgewicht Krankheiten verursachen kann. Die alten Griechen wussten nicht, was Bakterien oder Viren sind und viele Menschen glaubten, dass Krankheiten Strafen der Götter seien. Die Essen ist-Medizin-Philosophie bringt uns zurück zu der Krankheit-als-Strafe-Denkweise. Wenn du krank wirst, dann „musst“ du an der falschen Ernährung gescheitert sein. Das allerletzte, was Menschen, die krank sind, brauchen, sind Personen, die mit dem Finger auf sie zeigen.

Sowohl der medizinische Fortschritt von heute als auch die Möglichkeiten und Verfügbarkeiten, die unsere Ernährung heute bietet, ist unvergleichbar. In der Antike gab es noch keine Kühlschränke und keine Supermärkte und auch nicht das Angebot wie heute. Vitamine und Mineralstoffe waren nicht nur völlig unbekannt, es war auch schwierig, sich das ganze Jahr bequem und ohne Anstrengung damit versorgen, wie wir es heute können. Daher war es zu Hippokrates Zeiten leicht, mit einer geringen Verbesserung der Ernährung eine große Verbesserung des Allgemeinzustands zu erreichen, sodass der Eindruck entstand, dass mit Ernährung direkt die Gesundheit gesteuert werden kann.

4. Quacksalber verdienen mit der Essen-ist-deine-Medizin-Philosophie gutes Geld

Der Satz „Essen ist Medizin“ ist so eingänglich und in einer Zeit, in der wir Essen zu einer neuen Religion auserkoren haben und sich ganz viele Menschen darüber definieren, was sie essen (und was sie nicht essen), trifft er einfach einen Nerv. Ich verstehe das. Mir ging es früher nicht anders. Nur leider lässt sich damit auch der allerneueste Ernährungsunsinn vermarkten, da mit der Aussage sehr wirksam Ängste geschürt werden können und dadurch Tür und Tor geöffnet wird, für Menschen, die sich an dieser – häufig unbegründeten – Panikmache bereichern wollen.

Jedes Mal, wenn ich einen Bericht lese, dass jemand auf eine lebensrettende medizinische Behandlung zugunsten sogenannter alternativer Therapien wie Saftkuren oder Detox-Cleanses verzichtet hat, um zu versuchen, Krebs, AIDS oder eine andere schwere Krankheit zu heilen, geben ich dem Satz „Lass Nahrung deine Medizin sein“ die Schuld. Die Pseudowissenschaft und Quacksalberei liebt selbstverständlich die Essen-ist-Medizin-Philosophie, weil sie ihnen hilft, ihre Diätbücher, Nahrungsergänzungsmittel und „Therapien“ zu verkaufen. Ist nicht schon allein das Grund genug, Hippokrates nicht mehr falsch zu zitieren?

5. Durch den Satz wird die Moralisierung von Essen gefördert

Essen nur auf seine Bestandteile zu degradieren ist besonders problematisch für Menschen mit Essstörungen, einem essgestörten Verhalten oder auch für Menschen, die chronisch auf Diät sind. Essen soll nicht nur unseren Körper nähren, sondern auch unseren Geist – was einfach nicht funktioniert, wenn wir Essen in „gut“ und „schlecht“ oder in „gesund“ und „ungesund“ einteilen. Zudem gibt diese Einteilung Essen einen moralischen Wert: Wenn du Lebensmittel isst, die „gut“ sind, dann verhältst du dich nicht nur gut, sondern bist gut.

Essen als Medizin zu betrachten kann außerdem dazu führen, eine Angst vor Lebensmitteln zu entwickeln, die in den eigenen Augen „ungesund“ sind. Menschen mit Orthorexie haben Angst, durch „ungesunde Ernährung“ krank zu werden und zwingen sich dazu, nur noch „gesunde“ Lebensmittel zu essen. Was „gesund“ und „ungesund“ ist, definieren sie dabei selbst und eine Orthorexie zeichnet sich dadurch aus, dass diese selbstauferlegten Regeln immer strenger werden. Ein Essverhalten, das irgendwann aus einem Gesundheitsgedanken heraus entstanden ist, kann aus Angst in eine Unterversorgung führen und dann tatsächlich krank machen.

Essen ist so viel mehr als Makronährstoffe

Wenn wir Essen und Medizin gleichsetzen, dann tun wir weder unserer Nahrung, noch der Heilkunst einen besonders großen Gefallen. Essen ist so viel mehr als Medizin. Essen ist untrennbar mit menschlichen sozialen Interaktionen und der Gemeinschaft verbunden. Essen ist Kultur, Liebe und Freude. Lebensmittel in Medizin zu verwandeln, beraubt sie dieser positiven Eigenschaften. Eine gesunde Beziehung zu Lebensmitteln ist für das Wohlbefinden eines Menschen unerlässlich, aber nicht, weil sie medizinische Eigenschaften haben. Lebensmittel sind nicht nur Treibstoff und wir konsumieren sie nicht nur, um unser Krankheitsrisiko zu verringern.

Zwei Dinge sind Voraussetzung, damit Ernährung wirklich die Gesundheit unterstützen kann. Erstens, es muss ausreichend gegessen werden. Ist der Körper mit Energie unterversorgt, dann muss erst einmal dieses Problem in Angriff genommen werden. Erst dann, wenn die Menge ausreichend ist, kann im zweiten Schritt überlegt werden, an welchen Stellschrauben noch gedreht werden kann, um die eigene Ernährungsweise zu verbessern (falls das ein persönliches Ziel ist). Zweitens ist es wichtig, mit welcher Motivation eine Ernährungsumstellung erfolgt. Wenn wir nicht entspannt an die Sache rangehen und wenn die anderen Faktoren, die wir individuell beeinflussen können, um unsere Gesundheit zu verbessern, nicht stimmen, dann wird selbst die „perfekte“ Ernährung nicht viel bewirken können. Einem Körper, der gestresst ist, wird aller Brokkoli und Grünkohl dieser Welt nichts bringen, sondern ist allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein.

Nahrung ist Nahrung. Medizin ist Medizin.

Und falls du immer noch nicht überzeugt bist: Essen kann schon alleine deshalb keine Medizin sein, weil Menschen, die komplett gesund sind, trotzdem essen müssen. Das widerspricht der Definition von Medizin, die im weitesten Sinne alle Handlungen umfasst, die zur Erkennung, zur Behandlung, wenn möglich zur Heilung und zur Vorbeugung von Krankheiten des Menschen unternommen werden. Das kann Nahrung gar nicht leisten. Wir könnten die gesündesten Lebensmittel jeden Tag essen, aber ohne Medizin wäre die Wahrscheinlichkeit sehr viel höher, dass wir sehr viel früher und sehr viel kränker sterben würden als wir das heutzutage tun. Dank der modernen Medizin leben wir länger als jemals zuvor.

Wir neigen dazu, die unmittelbaren Auswirkungen von dem, was wir essen, überzubewerten und halten an dem Gedanken fest, dass ein „Superfood“ sofortige Vorteile haben kann, während wir die langfristigen Auswirkungen dessen, was wir im Laufe unseres Lebens konsumieren, und wie dabei unser Verhältnis zum Essen ist, unterschätzen. Ernährung ist nur einer von vielen Faktoren wie Umwelt, körperliche Aktivität und Gene, die zusammenwirken, um unsere Gesundheit zu beeinflussen. Nahrung ist Nahrung und Medizin ist Medizin. Beides ist unfassbar faszinierend und kann sich prima ergänzen. Aber das eine kann das andere nicht ersetzen.

 

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