Diätkultur,  Diätmentalität,  Health at Every Size,  Selbstfürsorge

Ist Health at Every Size nur eine Notlösung für diejenigen, die zu blöd zum Abnehmen sind?

Kommst du langsam ins Schwitzen, weil der Sommer nicht mehr weit ist, du aber das Gefühl hast, du müsstest dringend noch ein paar Kilos abnehmen? Doch bevor du jetzt gleich mit deiner nächsten Diät, „Ernährungsumstellung“ oder wie auch immer du es nennen magst, loslegst, beantworte bitte noch die drei folgenden Fragen: Wie viele Diäten hast du in deinem Leben schon gemacht? Wie viel hast du dabei abgenommen? Und wie viel war von der Abnahme nach einem halben Jahr, einem Jahr und nach fünf Jahren noch übrig? Hm, dachte ich mir. Hätten Diäten in der Vergangenheit für dich funktioniert, dann würdest du das hier wahrscheinlich gerade nicht lesen. Doch es gibt eine Alternative und die heißt Health at Every Size.

Ist Health at Every Size nur die Notlösung für diejenigen die zu blöd zum Abnehmen sind

Dicksein ist keine Frage der Disziplin

Auch wenn die Diät- und „Wellnessindustrie“ eine andere Hoffnung verkauft: Wir haben immer noch keine Methode gefunden, um dicke Menschen langfristig dünn zu kriegen. Und nein, das liegt nicht daran, dass Menschen mit einem hohen Körpergewicht „nicht genügend Disziplin aufbringen“, es „nicht genug versucht haben“ oder einfach nur „zu blöd zum Abnehmen sind“. Es mag so langsam aber sicher im Bewusstsein der Gesellschaft ankommen, dass Diäten nicht wirken. Doch haben die Leute deswegen aufgehört, nach einer Gewichtsabnahme zu streben oder alles Mögliche zu probieren, um die lästigen Kilos loszuwerden? Nein. Das Einzige, das sich geändert hat, ist die Art und Weise, wie wir unser Tun beschreiben: Wir machen keine Diät mehr, sondern setzen nun auf „gesunde Ernährung“ und einen „aktiven Lebensstil“.

Doch machen wir uns nichts vor: Wenn eine „Ernährungsumstellung“ bedeutet, dass man auf bestimmte Lebensmittel verzichten muss oder nur noch zu bestimmten Zeiten essen darf, dann ist es eine Diät. Jedes Mal, wenn die Ernährung manipuliert wird, mit dem Ziel Gewicht zu verlieren, auch wenn es nur eine „natürliche Folge“ der Ernährungsumstellung ist, dann ist es eine Diät. Wenn wir irgendwelchen Plänen von außen mehr Macht einräumen als unseren innersten Bedürfnissen und diese konsequent ignorieren, dann ist es eine Diät.

Strenge Essensregeln geben Sicherheit

Um das nochmal klarzustellen: Ich habe absolut nichts gegen gesundheitsfördernde Lebensmittel oder Verhaltensweisen. Ganz im Gegenteil. Diäten – und dazu zähle ich auch, auf bestimmte Lebensmittel oder Lebensmittelgruppen zu verzichten – schaden den allermeisten Menschen aber mehr als sie ihnen nützen. Und was ist mit den ständig zunehmenden Lebensmittelallergien, fragst du dich jetzt vielleicht? Bei (diagnostizierten!) Lebensmittelallergien, Intoleranzen oder Darmerkrankungen kann es mitunter überlebensnotwendig sein, eine bestimmte Auslassdiät einzuhalten. Das betrifft aber nur wenige Menschen. Tatsächlich sind nur etwa vier Prozent der Bevölkerung von einer Lebensmittelallergie betroffen [1]. In Erhebungen geben jedoch über 20 Prozent an, unter Lebensmittelallergien zu leiden oder bestimmte Lebensmittel wie zum Beispiel Gluten, Weizen oder Kuhmilch „schlecht zu vertragen“ [2].

Warum also verzichten immer mehr Menschen ohne wirklichen medizinischen Grund auf bestimmte Lebensmittel? Ganz einfach: Die Einteilung von Lebensmitteln in „gut“ und „schlecht“ gibt Sicherheit, die vielen in unserer unübersichtlich gewordenen Gesellschaft fehlt. Essen ist heute viel mehr als nur Sattwerden: Es ist eine persönliche Wahl, ein Lifestyle, ein ethisch-moralisches Statement und ein Ausdruck der eigenen Weltanschauung. Ernährungsregeln können als eine Art Ersatzreligion dienen und die dadurch gewonnene Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe gibt Sicherheit.

Und natürlich gehört es auch zur „gesellschaftlichen Pflicht“, etwas für seine Gesundheit zu tun. Konkret bedeutet das, nicht nur „richtig“ zu essen, sondern auch alles dafür zu tun, um schlank zu sein. Schließlich kann nur wer schlank ist, auch gesund sein, richtig? Falsch. Dass das Gewicht Auskunft über den Gesundheitszustand gibt, ist nur ein Vorteil. Dieses hat sich jedoch in unserer fettverachtenden und gewichtsdiskriminierenden Gesellschaft tief in unsere Köpfe eingebrannt und hält sich hartnäckig, da es Ärzte, Familie, Freunde, Bücher, Zeitschriften und natürlich die sozialen Medien ständig „bekräftigen“. „Schon ein paar Kilo weniger nutzen der Gesundheit“ ist die allgemeine, in die Irre führende Meinung. Dicksein dagegen wird kollektiv schlechtgemacht.

Machst du noch Diät oder lebst du schon?

Es ist wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, wie schwierig es ist, in unserer Gesellschaft die Diätmentalität zu durchbrechen. Nur weil jemand dick ist, heißt das noch lange nicht, dass derjenige sich nicht „um sich selbst kümmert“ oder sogar „gehenlässt“. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Körpergewicht und persönlichen Merkmalen, wie Charaktereigenschaften, Intelligenz, Fähig- und Fertigkeiten. Niemand ist fett, nur weil er „zu viel isst“ oder „sich zu wenig bewegt“. Dicksein ist keine Frage der Disziplin und kaum jemand entscheidet sich aktiv dafür, ein sehr hohes Körpergewicht zu haben. Jedes hohe Körpergewicht hat seine eigene Geschichte und es gibt hunderte von Faktoren, die Dicksein verursachen können. Nicht alles davon liegt innerhalb der eigenen Kontrolle.

Meiner Meinung nach haben wir also zwei Möglichkeiten: Entweder laufen wir weiterhin einer Wunschvorstellung den eigenen Körper betreffend hinterher und nehmen damit Diäten, Jo-Jo-Effekt [3], ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen [4], Versagensgefühle [5] sowie Essstörungen und Depressionen in Kauf [6, 7]. Oder wir probieren mal etwas anderes und ich hätte da auch schon einen Vorschlag: Es gibt eine soziale Bewegung, die nennt sich Health at Every Size (abgekürzt HAES), in der Ernährungsberater und Ärzte davon Abstand nehmen, den Gesundheitszustand eines Menschen anhand des Gewichts zu beurteilen. Der HAES-Ansatz stützt sich auf die Idee, dass Menschen mit jeder Art von Körper Respekt und eine gute Gesundheitsversorgung verdienen und dass das Gewicht nicht die Gesundheit bestimmt.

Der BMI ist ungeeignet, um die Gesundheit zu messen

Immer mehr Studien zeigen nämlich, dass ein großer Teil der Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) über 25 (“übergewichtig”) und sogar über 30 (“adipös”) einen gesunden Stoffwechsel besitzen [8]. Dagegen gibt es einen nicht zu ignorierenden Anteil an schlanken Menschen, die gesundheitliche Probleme haben, die generell eher Dicken zugeschrieben werden, wie Diabetes, Bluthochdruck oder einen hohen Cholesterinspiegel. Eventuell leben sogar Menschen mit einem BMI im „übergewichtigen Bereich“ am längsten, doch das ist noch nicht abschließend geklärt [9, 10].

Der BMI wird berechnet, indem man das Gewicht (in Kilogramm) durch die Körpergröße (in Zentimeter zum Quadrat) teilt. Er ist eine statistische Größe und wurde ursprünglich erfunden, um die Gewichtsverteilung ganzer Bevölkerungsgruppen abzuschätzen. Er war nie dazu gedacht, die Gesundheit einer einzelnen Person abzubilden. Zudem wurde der BMI an kaukasischen Männern entwickelt, also an männlichen Weißen. Nicht nur, dass dadurch Frauen in eine Schablone gepresst werden, die natürlicherweise einen ganz anderen Körperbau haben als Männer. Der BMI überschätzt aufgrund dessen auch das Gesundheitsrisiko von Schwarzen (und ganz allgemein von People of Color) und unterschätzt gleichzeitig das Gesundheitsrisiko von Asiaten.

Ein weiteres großes Problem am BMI ist, dass er neben dem Körperbau auch die Fett- und Muskelverteilung im Körper nicht abbildet. Ein Bodybuilder beispielsweise wird höchstwahrscheinlich in der BMI-Kategorie über 30 landen, während jemand mit viel stoffwechselaktivem Fett, das zwischen den Organen sitzt (sog. viszerales Fett), als schlank eingestuft wird und trotzdem ein erhöhtes Risiko für alle möglichen sogenannten Zivilisationskrankheiten aufweist.

Gesundheit ist nur bedingt kontrollierbar

Verhaltensweisen scheinen ein weit besserer Maßstab für die Gesundheit zu sein als das Gewicht [11]. Doch selbst, wenn wir uns „perfekt“ ernähren und verhalten, haben wir unsere eigene Gesundheit nicht unbedingt in der Hand. Niemand kann sich sicher sein, dass er mit einer „gesunden“ Ernährung keinen Herzinfarkt erleidet, und auch ein Sportler kann einen Diabetes entwickeln. Gesundheit ist nichts, das wir in jedem Fall mit aller Macht erreichen können, wenn wir uns nur genügend anstrengen. Bestimmte Faktoren, die die Gesundheit mitbestimmen, können wir nicht oder nur bedingt beeinflussen. Dazu gehören beispielsweise Genetik, Lebensumstände (sozioökonomischer Status), Umwelteinflüsse oder bestimmte Erfahrungen wie Diskriminierung und Stigmatisierung.

So wie wir unser Gewicht nicht uneingeschränkt manipulieren können, können wir auch unsere Gesundheit nicht kontrollieren, selbst wenn uns die Diätkultur beides weismachen will. Wenn es dir darum geht, deine Gesundheit und Zufriedenheit zu verbessern, kann eine Diät für einen Bruchteil von Menschen hilfreich sein. Der Großteil wird aber wahrscheinlich weder glücklicher, noch gesünder, noch schlanker im ewigen Diätenkreislauf. Doch es gibt eine Alternative zur Diätkultur und damit sind wir wieder bei Health at Every Size.

Die Prinzipien von Health at Every Size

Die Prinzipien von Health at Every Size sind denen der Diätkultur völlig entgegengesetzt. Christy Harrison listet sie in ihrem neuen Buch „Anti-Diet: Reclaim your Time, Money, Well-being and Happiness through Intuitive Eating“ wunderbar auf [12]: HAES …

  • ist ein gewichtsneutraler Ansatz, der körperliche Vielfalt akzeptiert und respektiert und weder ein bestimmtes Körpergewicht schlechtmacht, noch ein anderes verherrlicht
  • unterstützt gesundheitsorientierte Verhaltensweisen, die in einem wirklich ganzheitlichen Konzept zu mehr Wohlfinden beitragen und die individuellen körperlichen, emotionalen, sozialen, spirituellen und wirtschaftlichen Bedürfnisse berücksichtigt
  • lehnt es ab, Menschen „die Schuld“ an ihrer Gesundheit zu geben
  • erkennt die Voreingenommenheit von Gesundheitsdienstleistern wie Ärzten oder Ernährungsberatern an und arbeitet daran, Diskriminierung und Stigmatisierung aufgrund des Gewichts oder einer anderen Eigenschaft der eigenen Identität aufzuheben
  • berücksichtigt Identität und Verschiedenheit der Menschen (unter anderem ethnischer Hintergrund, Geschlechtsidentität, sozioökonomischer Status) und wie diese Identitäten mit Gewichtsstigmatisierung in Beziehung stehen
  • empfiehlt Intuitive Ernährung und ein genussvolles Verhältnis zum Essen und nimmt Abstand von „Essensplänen“ und Verhaltensweisen, die darauf abzielen, den Körper zu „schrumpfen“
  • unterstützt ein positives Verhältnis zu Bewegung, das Menschen aller Größen, Formen und Fähigkeiten erlaubt, sich nach ihren eigenen Maßstäben körperlich zu betätigen

Weniger Selbstkontrolle und mehr Selbstfürsorge

Doch auch die Kritik an dem HAES-Konzept will ich nicht unkommentiert lassen. Besonders auf YouTube findet sich eine ganze Reihe von „Ernährungs- und Fitnessexperten“, die sogar ganz eindringlich vor Health at Every Size warnen. In den Videoüberschriften ist beispielsweise zu lesen: „Health at Every Size verherrlicht Übergewicht!“ oder „Health at Every Size ist gefährlich!“ Und mein ganz persönlicher Favorit ist: „Jetzt sollen wir alle fett werden!“ Ein bisschen dick sei ja ok, aber „ein wirklich hohes Körpergewicht kann einfach nicht gesund sein“. Ich habe mal in einige Videos dieser selbsternannten „Experten“ reingeschaut und zwei Dinge lassen mich stark an deren Glaubwürdigkeit zweifeln: Erstens ist ihre meist einzige „Qualifikation“, dass sie selbst „erfolgreich abgenommen“ haben. Und zweitens scheinen sie das Konzept von Health at Every Size überhaupt nicht verstanden haben.

Das Vorurteil, dass HAES ein hohes Körpergewicht “verherrlicht“ hält den Prinzipien einfach nicht Stand. Denn vielmehr ist es so, dass die HAES-Bewegung Menschen ALLER Körpertypen und Größen dabei unterstützt, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut um sich selbst zu kümmern und ein Leben frei von Gewichtsstigmatisierung und Diskriminierung zu führen. HAES gibt nicht nur eine Antwort auf die Frage, was man für seine Gesundheit tun kann, wenn man der Diätkultur den Rücken kehrt. Die Bewegung hilft auch dabei, die Last der Gewichtsstigmatisierung von den Schultern der Menschen zu nehmen, die davon betroffen sind.

Nur jemand, der absolut keine Ahnung hat, würde Health at Every Size als „Ausrede“ oder „Notlösung“ bezeichnen. HAES hilft ALLEN Menschen dabei, Frieden mit ihrem Körper zu schließen und sich in ihrer Haut wohlzufühlen. Und was bitte soll daran gefährlich sein?

Ich bin gespannt auf deine Meinung: Denkst du HAES ist nur eine „Notlösung“?

[1] Acker et al. 2017. Prevalence of food allergies and intolerances documented in electronic health records. The Journal of Allergy and Clinical Immunology 140 (6): 1587–1591.e1

[2] Gupta et al. 2019. Prevalence and Severity of Food Allergies Among US Adults. JAMA Netw Open. 2(1): e185630. doi:10.1001/jamanetworkopen.2018.5630

[3] Hall et al. 2019. Maintenance of lost weight and long-term management of obesity. Med Clin North Am 102(1): 183–197 doi: 10.1016/j.mcna.2017.08.012

[4] Sardar et al. 2015. Cardiovascular Impact of Eating Disorders in Adults: A Single Center Experience and Literature Review. Heart views : the official journal of the Gulf Heart Association 16(3), 88–92. https://doi.org/10.4103/1995-705X.164463

[5] Bacon & Aphramor 2011. Weight Science: Evaluating the Evidence for a Paradigm Shift. Nutrition Journal 10: 9 http://www.nutritionj.com/content/10/1/9

[6] Stice et al. 2018. Risk Factors that Predict Future Onset of Each DSM-5 Eating Disorder: Predictive Specificity in High-Risk Adolescent Females. J Abnorm Psychol 126(1): 38–51.

[7] Madigan et al. 2018. Is weight cycling associated with adverse health outcomes? A cohort study. Prev Med. 108: 47-52. doi: 10.1016/j.ypmed.2017.12.010. Epub 2017 Dec 22.

[8] Schulze 2019. Metabolic health in normal-weight and obese individuals. Diabetologica 62: 558–566. https://doi.org/10.1007/s00125-018-4787-8

[9] Flegal et al. 2013. Association of all-cause mortality with overweight and obesity using standard body mass index categories: a systematic review and meta-analysis. JAMA 309(1):71-82. doi: 10.1001/jama.2012.113905.

[10] Global BMI Mortality Collaboration 2016. Body-mass index and all-cause mortality: individual-participant-data meta-analysis of 239 prospective studies in four continents. Lancet 388(10046): P776-786 doi: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(16)30175-1

[11] Tomiyama et al. 2013. Long‐term Effects of Dieting: Is Weight Loss Related to Health? Social and Personality Psychology Compass 7(12): 861-877

[12] Harrison 2019. Anti-Diet: Reclaim your Time, Money, Well-being and Happiness through Intuitive Eating, Little, Brown Spark

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