Isst doch, was du willst! mit Dr. Antonie Post - Health at Every Size, Intuitive Ernährung, Anti-Diät-Bewegung

“Fett ist nicht das Problem. Diäten sind das Problem. Eine Gesellschaft, die jeden zurückweist, dessen Körperform oder Körpergröße einem unerreichbaren Ideal entspricht ist das Problem. Ein Gesundheitssystem das “schlank” mit “gesund” gleichsetzt ist das Problem. Die Lösung? Health at Every Size. Werde der Experte deines Körpers. Finde Freunde an Bewegung. Iss, was du willst, wann du willst. Wähle genussvolle Speisen, die dir dabei helfen, dich gut zu fühlen. Auch du kannst dich großartig in deinem Körper fühlen – jetzt in diesem Moment. Und Health at Every Size wird dir zeigen wie.”

Lindo Bacon, PhD, aus: Health at Every Size – The surprising truth about your weight; Benbella 2008

Die Diätkultur kann weg

Es gibt Leute, die sagen, die Diätkultur existiere gar nicht mehr. Schließlich wisse doch jeder, dass Diäten nicht wirken. Diätkultur bedeutet aber nicht einfach nur “auf Diät sein”. Der Begriff Diätkultur beschreibt eine Reihe von Glaubenssätzen, die den Wert eines Menschen in erster Linie über das bestimmte Aussehen seines Körpers definiert. Schlanksein wird als Statussymbol verehrt und gleichgesetzt mit Gesundheit, Schönheit, Fitness, Erfolg und moralischer Überlegenheit. Laut Diätkultur ist nur ein schlanker Mensch auch ein guter Mensch. Und jemand mit einem hohen Körpergewicht kann nicht gesund sein.

Anfang der 2000er Jahre wandten sich immer mehr Menschen von Diäten ab. Die Diätindustrie reagierte mit einer neuen und schlauen Strategie darauf. Sie legte ihren Fokus auf Gesundheit und Wellness. Das Abnehmen war angeblich gar nicht mehr das Ziel. Das Versprechen war: Wer “richtig” (= “gesund”) isst, nimmt quasi als Nebenwirkung und von ganz alleine ab und erreicht den Traumkörper. Doch nur weil nicht mehr Diät draufstand, war immer noch Diät drin: Diäten nannten sich bloß nicht mehr so und tarnten sich von nun an als gesunde Verhaltensweisen, Ernährungsumstellung oder als neuer Lebensstil, also Lifestyle.

Falls du dir jemals überlegt hast, was wohl ein Lifestyle zu einer Diät sagen würde, hier kommt die Antwort:

Aber auch wenn sich die heutigen Diäten nicht mehr als solche bezeichnen, sind sie immer noch Teil des Glaubenssystems, das die Menschen in unserer Gesellschaft veranlasst, nach dem “idealen Körpertyp” zu streben. Dabei ist es noch nicht einmal sicher, ob schlanke Menschen wirklich am gesündesten sind und am längsten leben. Eventuell ist ein höheres Körpergewicht sogar vorteilhaft. Studien zeigen, dass dicke Menschen nicht gesünder oder kränker sind als schlanke. Doch die Diätkultur hat dieses Bild bereits in den Köpfen verankert. Sie bestärkt weiterhin die Annahme, dass Gewicht zu verlieren in jedem Fall gesünder machen würde.

Diäten machen dick und krank

Diäten führen aber nur in den seltensten Fällen langfristig zu einem schlankeren Körper: Über 95 Prozent aller Diäten scheitern und zwei Drittel wiegen nach einer Diät sogar mehr als vorher. Der Jo-Jo-Effekt ist eine gesunde und natürliche Schutzmaßnahme des Körpers, um für die nächste Hungersnot vorzusorgen. Daher machen Diäten vielleicht kurzfristig schlank, aber langfristig dick.

So lange unser Gesundheitssystem dicke Menschen nur als ihren BMI sieht, ist es kein Wunder, dass Menschen mit einem höheren Körpergewicht statistisch gesehen kränker sind als schlanke. Wer Voreingenommenheit und Diskriminierung beim Arzt erlebt hat, geht im Zweifelsfall das nächste Mal nicht mehr hin. Im schlimmsten Fall verschwendet er kostbare Zeit, in der die Krankheit weiter fortschreitet. Wir verschwenden unser Geld, Zeit und Energie, um einem “Ideal zu entsprechen, das gerade mal 5 Prozent der Menschen auf gesunde und natürliche Weise erreichen können. Warum hören wir nicht damit auf und widmen uns stattdessen den wirklich wichtigen Dingen im Leben?

Eine Abnahme zu “verschreiben” macht die meisten Menschen weder schlanker noch gesünder. Weniger als fünf Prozent der Menschen können ihr Gewicht nach einer Diät halten und das liegt weder an der Willenskraft, noch an der Diziplin oder daran, dass sich dicke Menschen nicht anstrengen würden. Ganz im Gegenteil: Unser Körper schützt uns vor dem Verhungern – denn nichts anderes ist eine Diät oder restriktive Ernährungsweise für ihn – indem er den Grundumsatz senkt und durch Hormone wie Leptin und Ghrelin die Sättigung verzögert und den Hunger anregt. Der Körper lässt sich nicht austricksen und sich auf die Zahl auf der Waage zu fixieren, hilft niemandem. Tatsächlich geht das eher nach hinten los, denn eine Fixierung auf das Gewicht fördert Esstörungen, Angststörungen, Versagensängste und langfristig in den meisten Fällen eine Gewichtszunahme.

Was bedeutet Health at Every Size?

Aber es gibt eine Alternative und die heißt Health at Every Size® (kurz HAES®). HAES ist keine Diät, sondern der absolute Gegenentwurf zur Diätkultur. HAES ist eine gewichtsneutrale, medizinisch erprobte Anleitung zu mehr Body Positivity, Gesundheit und Wohlbefinden. Immer mehr wissenschaftliche Studien zeigen, dass es möglich und sinnvoll ist, unabhängig vom Gewicht die eigene Gesundheit zu verbessern. Es ist zwar möglich, dass einzelne Menschen Gewicht verlieren, wenn sie mit dem HAES-Ansatz allgemein gesündere Lebensgewohnheiten entwickeln und das ist auch völlig ok. HAES ist nicht gegen eine Abnahme, wenn jemand gesündere Gewohnheiten in sein Leben integriert, eine konkrete Gewichtsabnahme wird aber nicht angestrebt.

Die Hauptkomponenten von HAES, und das individuell bestmögliche körperliche und geistige Wohlbefinden zu erreichen, sind:

             1. Körperakzeptanz unabhängig von Größe, Umfang oder Körperform

             2. intuitive Ernährung, die den natürlichen Umgang mit Nahrung stärkt

             3. körperliche Bewegung, bei der der Spaß im Vordergrund steht

Health at Every Size hat seine Ursprünge in den 1970 Jahren in der Fett-Akzeptanz-Bewegung. 2003 hat die Association for Size Diversity and Health (ASDAH) die HAES-Prinzipien konkret in Worte gefasst und sich die Begriffe Health at Every Size und HAES markenrechtlich schützen lassen. Die ASDAH, eine gemeinnützige Organisation, will eine Zukunft erschaffen, in der die Gesellschaft Körper aller Größen und Formen feiert, in der Körpergewicht kein Anlass mehr für Diskriminierung ist und in der sozial benachteiligte und unterdrückte Gemeinschaften einen gleichberechtigten Zugang zu Gesundheit haben.

Wirklich bekannt wurde HAES aber erst durch das Buch “Health at Every Size: The Surprising Truth about your Weight” von Dr. Lindo Bacon (früher Linda Bacon), das bisher aber leider nur auf Englisch erschienen ist. Die Kernbotschaft des Buches ist, dass nicht das Körpergewicht dicke Menschen krank macht, sondern Diäten und eine Gesellschaft, die nicht in der Lage ist, verschiedene Körper zu akzeptieren.

Die Prinzipien von Health at Every Size

Die Prinzipien von Health at Every Size sind denen der Diätkultur völlig entgegengesetzt. Christy Harrison listet sie in ihrem Buch „Anti-Diet: Reclaim your Time, Money, Well-being and Happiness through Intuitive Eating“ wunderbar auf, daher habe ich mich dort bedient und die Prinzipien übersetzt (das Buch gibt es bisher nur auf Englisch).

Health at Every Size (HAES):

♥ ist ein gewichtsneutraler Ansatz, der körperliche Vielfalt akzeptiert und respektiert und weder ein bestimmtes Körpergewicht schlechtmacht, noch ein anderes verherrlicht

♥ unterstützt gesundheitsorientierte Verhaltensweisen, die in einem wirklich ganzheitlichen Konzept zu mehr Wohlfinden beitragen und die individuellen körperlichen, emotionalen, sozialen, spirituellen und wirtschaftlichen Bedürfnisse berücksichtigt

♥ lehnt es ab, Menschen „die Schuld“ an ihrer Gesundheit zu geben

♥ erkennt die Voreingenommenheit von Gesundheitsdienstleistern wie Ärzten oder Ernährungsberatern an und arbeitet daran, Diskriminierung und Stigmatisierung aufgrund des Gewichts oder einer anderen Eigenschaft der eigenen Identität aufzuheben

♥ berücksichtigt Identität und Verschiedenheit der Menschen (unter anderem ethnischer Hintergrund, Geschlechtsidentität, sozioökonomischer Status) und wie diese Identitäten mit Gewichtsstigmatisierung in Beziehung stehen

♥ empfiehlt Intuitive Ernährung und ein genussvolles Verhältnis zum Essen und nimmt Abstand von „Essensplänen“ und Verhaltensweisen, die darauf abzielen, den Körper zu „schrumpfen“

♥ unterstützt ein positives Verhältnis zu Bewegung, das Menschen aller Größen, Formen und Fähigkeiten erlaubt, sich nach ihren eigenen Maßstäben körperlich zu betätigen

Die Wahrheit ist doch, wir ackern seit Jahrzehnten an der Figur und der Gesundheit von mehrgewichtigen Menschen rum, ohne wirklich etwas zu bewegen. Wir streiten darüber, ob Dicksein ungesund ist und zeigen mit dem Finger auf dicke Menschen. Und was hat uns das gebracht? Eben. Aber wir können den Krieg gegen das Fett gewinnen. Und zwar, indem wir den Kampf aufgeben und direkt gesundheitsfördernde Verhaltensweisen wählen, anstatt den unsinnigen Umweg über das Gewicht zu nehmen. Hier ist die Lösung:

Health at Every Size